Das "PreventDelir" Programm im ZASSA

„Zu Hause ist mein Angehöriger ganz anders!“

Ein Delir ist ein Zustand der Verwirrung, der plötzlich auftritt und Stunden oder Wochen andauert. Wenn Ihr Angehöriger ins Delir verfällt, bedeutet das, dass er/sie nicht mehr klar denken kann, nicht mehr aufmerksam ist und seine Umgebung nicht mehr richtig wahrnimmt. Manchmal werden Ausdrücke wie "veränderter Geisteszustand" oder "Durchgangssyndrom" verwendet, aber der genaue medizinische Begriff ist Delir.

Zwei Fälle aus der Praxis:

Fall 1: Inge F. hatte ihren Ehemann (74) zur geplanten Knieoperation in die Klinik gebracht. Beim ersten Krankenbesuch bemerkte sie sofort: „Irgendetwas stimmt nicht; ihr Mann ist anders als sonst.“ Ihr Mann war unruhig, nestelte nervös an dem Verband und war gereizt.

Fall 2: Herr W. (73) hat seit 6 Jahren einen Morbus Parkinson und ist wegen Schmerzen im Rücken im Alltag weniger mobil. Nach einem fieberhaften Infekt wird er nachts unruhig, schläft schlecht und sieht ungewöhnliche Muster in den Bäumen. Tagsüber geht es ihm besser, doch in der nächsten Nacht ist er aggressiv, schreit und will die Wohnung verlassen. Dabei kommt es zum Sturz und der Notarzt nimmt ihn mit ins Krankenhaus.

Beide Fälle beschreiben typische Situationen eines Delirs. Das Delir ist ein plötzlich auftretenderVerwirrtheitszustand. Vor allem ältere Menschen sind gefährdet, ein Delir zu erleiden. Das Delir kann zu langfristigen Einschränkungen des Gedächtnisses und der Selbstständigkeit im Alltag führen. Umso wichtiger ist es daher, dass ein Delir behandelbar und oft auch vermeidbar sind. Delire können im Krankenhaus, in Pflegeheimen, Rehabilitationseinrichtungen und zu Hause auftreten. Es ist daher wichtig die Symptome und Risikofaktoren zu kennen.

Wie ein Delir entsteht, was wir dagegen tun und was Sie tun können, um das Risiko für ein Delir zu senken, erfahren Sie hier!

Ein Delir ist ein plötzlich beginnender Verwirrtheitszustand. Die Betroffenen wissen nicht mehr wo sie sind, welches Datum ist, sind durcheinander. Die Aufmerksamkeit und das Denken sind beeinträchtigt. Delir und Demenz können gleichzeitig auftreten, aber sie sind nicht dasselbe medizinische Syndrom. Eine Demenz tritt schleichend auf und ist ein Dauerzustand. Ein Delir kann plötzlich auftreten und verschwindet in der Regel innerhalb von Tagen bis Wochen, wenn es richtig behandelt wird. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass Menschen, die an Demenz leiden, ein erhöhtes Risiko haben, ein Delir zu entwickeln.

Die folgenden Gruppen älterer Menschen haben ein besonders hohes Risiko ein Delir zu entwickeln:

  • Menschen mit kognitiven Störungen (Demenz)
  • Menschen, die eine Operation hinter sich haben
  • Menschen mit Stürzen, Hüftfrakturen
  • Menschen auf Intensivstationen
  • Über 75-Jährige in Pflegeheimen
  • Menschen mit Krebs
  • Chronisch Kranke mit mehr als 5 Medikamenten pro Tag
  • Menschen mit Parkinson oder Schlaganfall
  • Menschen mit eingeschränktem Seh- oder Hörvermögen

Auf diese Menschen müssen wir besonders Acht geben und erste Warnsymptome für ein Delir ernst nehmen.

  • relativ plötzlicher Beginn
  • der Zustand der Patienten wechselt häufig, mal sind sie klar und orientiert, dann wieder verwirrt.
  • gestörte Aufmerksamkeit (Betroffenen sind unkonzentriert und leicht ablenkbar)
  • gestörte Orientierung (der Patient weiß plötzlich nicht mehr, wo er sich befindet oder warum er im Krankenhaus ist)
  • gestörte Wahrnehmung (z.B. Halluzinationen, das heißt sie sehen, hören oder riechen Dinge, die nicht existieren)
  • Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (Betroffene schlafen tagsüber und sind in der Nacht hellwach und aktiv)
  • körperliche Unruhe, Schreckhaftigkeit oder Teilnahmslosigkeit
  • Denkstörungen (z.B. Überzeugung, verfolgt oder bedroht zu werden)

Früher wurde ein Delir bei älteren Patienten oft als übliche Begleiterscheinung nach Operationen angesehen und als "Durchgangssyndrom" bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich aber um einen medizinischen Notfall, der eine rasche Behandlung bedarf. Das Delir geht unbehandelt zudem mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Patienten, die das Delir überleben droht wiederum eine deutliche Verschlechterung ihrer Alltagsfunktionen. Einkaufen, Waschen, Kochen und für sich selbst sorgen können noch lange Zeit nach dem Delir eingeschränkt sein. Außerdem verlängert ein Delir den Krankenhausaufenthalt und geht mit höheren Kosten einher.

Es gibt keine zugelassenen Medikamente, um das Delir ursächlich behandeln. Ärzte müssen die zugrundeliegenden Ursachen ermitteln und behandeln. Außerdem gibt es zahlreiche nichtmedikamentöse Maßnahmen für die Therapie des Delirs. Nichtmedikamentöse Maßnahmen umfassen beispielsweise:

  • Hilfen zur Orientierung
  • Nutzung von Hilfsmitteln
  • Angemessene sensorische Stimulation
  • Förderung des Tag-Nacht-Rhtythmus
  • Ausreichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit
  • Mobilisierung
  • Behandlung von Schmerzen

Delire entstehen nicht nur im Krankenhaus, sondern können auch in Pflegeheimen oder zu Hause auftreten. Treten Delire zu Hause auf, hängt es von der Ursache und den Symptomen des Delirs ab, ob eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig ist. Wenn Patienten überwacht werden müssen, weil sie ernsthaft krank sind oder wenn die Gefahr besteht, dass sie sich oder andere verletzen, ist meist eine Einweisung ins Krankenhaus auf eine spezialisierte Station notwendig. Die Behandlung sollte in der Geriatrie oder Gerontopsychiatrie erfolgen. Im Krankenhaus wird versucht die Ursache des Delirs schnell zu ermitteln, damit der Patient so schnell wie möglich behandelt werden kann. Ein Team aus unterschiedlichen Fachkräften kann dabei helfen, die beste Versorgung zu gewährleisten. Es ist wichtig, damit verbundene Probleme wie Unterernährung und Inkontinenz zu vermeiden. Das Behandlungsteam sollte aus eine geriatrisch-spezialisiertem ärztlichen Personal, geschulten Pflegekräften, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern bestehen.

Man kann demnach festhalten: Das Delir ist häufig bei älteren Patienten. Das Delir ist ein medizinischer Notfall, der einer umgehenden spezialisierten Behandlung bedarf. Das Delir ist behandelbar und zu etwa 30% vermeidbar.  

Was tun wir im ZASSA gegen das Delir?

Zur Vermeidung und Behandlung des Delirs wurde im ZASSA die interdisziplinäre Taskforce Delir eingerichtet. Hierzu wurde das Maßnahmenpaket „PreventDelir“ entwickelt. Es besteht aus mehreren in sich verzahnten Modulen und kann so in verschiedenen Krankenhäusern eingeführt und genutzt werden. Die Module des „PreventDelir“-Programms sind:  

  • Schulung von Fachkräften in Delirprävention und –therapie
  • Regelmäßiges Delir-Screening von Risikopatienten
  • Maßnahmen zur Delirprävention (Normalstation, Intensivstation)
  • Wissenschaftliche Evaluation der Maßnahmen
  • Spezialisierte ambulante Nachbehandlung

Durch diese Maßnahmen können wir die bestmögliche Behandlung älterer Menschen während des Krankenhausaufenthaltes gewährleisten und einen Großteil der Delir vermeiden und behandeln. Ziele des „PreventDelir“-Programms sind daher

  • Aufrechterhalten der geistigen (kognitiven) Fähigkeiten von Menschen mit Delirrisiko
  • Aufrechterhalten der Mobilität von Menschen mit Delirrisiko
  • Verbesserung der Selbständigkeit der Patienten
  • Vermeidung von Einweisungen ins Pflegeheim
  • Vermeidung von Stürzen und Komplikationen während des Krankenhausaufenthalts
  • Vermeidung ungeplanter Wiederaufnahmen ins Krankenhaus
  • Reduktion der Sterblichkeit von Menschen mit Delirrisiko

Nicht immer nehmen Betroffene ihren Zustand selbst wahr. Teilweise reagieren Angehörige verstört und entsetzt und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Dabei sind Angehörige und Vertraute enorm wichtig für die Betroffenen und den Heilungsprozess. Vertraute Menschen vermitteln Sicherheit und Konstanz.

 

  • Sprechen Sie deutlich und verwenden Sie weniger Worte. Lassen Sie sich Zeit zum Antworten.
  • Diskutieren Sie nicht mit den Betroffenen und korrigieren Sie sie nicht.
  • Trösten Sie sie. Sie sind vielleicht verwirrt und verängstigt. Sagen Sie ihnen, dass Sie da sind. Vermitteln Sie positive Gesprächsinhalte.
  • Bringen Sie Hilfsmittel mit und vergewissern Sie sich, dass sie ihre Hilfsmittel tragen (z. B. ihre Brille, ihr Hörgerät oder ihr Gebiss).
  • Sorgen Sie dafür, dass die Umgebung ruhig und beruhigend ist.
  •  Helfen Sie Ihrem Angehörigen sich über den Tag hinweg zu orientieren. Sagen Sie, wo er ist und warum er dort ist, wenn Sie den Eindruck haben, dass es Sicherheit bringt. Übertreiben Sie es aber nicht, um Frustration oder Aggression zu vermeiden.
  • Verwenden Sie eine Uhr, damit sie sich die Uhrzeit merken können, und einen Kalender oder ein Whiteboard, damit sie sich das Datum merken können.
  • Spielen Sie ihre Lieblingsmusik, solange sie leise und leicht ist.
  • Lassen Sie das Radio oder den Fernseher aus, da die zusätzlichen Stimmen und Bilder die Verwirrung noch verstärken können.
  • Seien Sie als vertraute Person besonders bei den Mahlzeiten da, um so auch sicherzustellen, dass die Betroffenen genug essen.
  • Geben Sie immer nur eine Aufgabe oder Anweisung nach der anderen.
  • Nehmen Sie es nicht persönlich, wenn Ihr Angehöriger Sie nicht erkennt.
  • Bringen Sie eine Liste aller Medikamente, Namen von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten, und alle vorliegenden Arztbriefe mit ins Krankenhaus.

Literatur

Fachgesellschaften

Sie wollen "PreventDelir" in ihrer Einrichtung implementieren?

Das vom ZASSA entwickelte "PreventDelir" Programm bietet evidenzbasierte Maßnahmen zur Reduktion der Delirinzidenz in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Maßnahmen sind an die Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystem angepasst und können in die Regelversorgung implementiert werden. Je nach lokalen Gegebenheiten können verschiedene Module Anwendung finden: 

  • Schulung von ärztlichen und pflegerischen Fachkräften in Delirprävention und –therapie (Präsenz, Inverted class room)
  • Implementierung eines Delir-Screenings von Risikopatienten
  • Implementierung von Maßnahmen zur Delirprävention (Normalstation, Intensivstation)
  • Wissenschaftliche Evaluation der Maßnahmen 
  • Spezialisierte ambulante Nachbehandlung

Bei Interesse melden Sie sich bei uns: geriatrie☉uk-halle.de